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11. Juni 2018 | Mobilität

Bei Londoner Taxifahrern wächst mit zunehmender Ortskenntnis eine bestimmte Hirnregion – und eine andere schrumpft. Gilt das für jegliches Spezialwissen?

Londoner Taxifahrer und Taxifahrerinnen durchlaufen eine harte Schule. Um die Lizenz für eine der traditionellen schwarzen Limousinen zu erlangen, lernen die Kandidaten und Kandidatinnen jahrelang den Stadtplan von London auswendig: die Lage von rund 25.000 Straßen und zirka 100.000 Lokalitäten, darunter Sehenswürdigkeiten ebenso wie öffentliche Toiletten.

Ein solches Spezialwissen hinterlässt Spuren in den grauen Zellen, vermuteten Forschende um Eleanor Maguire vom University College in London. Sie durchleuchteten 16 männliche Londoner Taxifahrer in einem Hirnscanner – und tatsächlich: Im Vergleich zu 50 gleichaltrigen Probanden aus anderen Berufen war bei ihnen eine Hirnregion um zwei bis drei Prozent vergrößert: der hintere Teil des Hippocampus, insbesondere in der rechten Hirnhälfte. Die beiden bogenförmigen Hippocampi liegen auf Höhe der Ohrenoberkante unter der Großhirnrinde. Dort bilden sich Erinnerungen, und speziell im hinteren Teil entstehen »mentale Landkarten«, das Ortsgedächtnis.

»Der Befund aus London machte im Jahr 2000 Schlagzeilen«, erinnert sich der Diplompsychologe Christian Müller von TÜV NORD. Doch zunächst war noch unklar, ob die Hirnregion mit der zunehmenden Ortskenntnis »mitwuchs« oder ob sie bei Menschen, die sich für diesen Beruf eigneten, von vornherein stärker ausgebildet war. Deshalb scannte Maguire gemeinsam mit einer Kollegin auch die Gehirne angehender Fahrer, bevor und nachdem diese für die Prüfungen büffelten. Tatsächlich fanden sie vorab keine Unterschiede zwischen erfolglosen und erfolgreichen Prüflingen, danach jedoch schon.

Der hintere Hippocampus expandiere tatsächlich mit wachsender Ortskenntnis, schlussfolgern die Forscherinnen. Neue Nervenzellen könnten entstehen, oder die alten Nervenzellen bildeten neue Axone und Synapsen, das heißt neue Kontakte. Neue Stützzellen im Hirngewebe könnten ebenfalls zum größeren Volumen beitragen. Regelmäßiges Fahren allein genügt allerdings nicht, um diesen Effekt zu erzielen. Denn wie Maguire und ihr Team feststellten, fanden sie bei Londoner Busfahrern auch nach langjähriger Berufspraxis kein entsprechendes Hirnwachstum.

Dafür blieben sie von einer Nebenwirkung verschont: Bei den erfahrenen Taxifahrern hatte sich der hintere Teil des Hippocampus nämlich auf Kosten seines Nachbarn ausgedehnt; im Gegenzug war also dessen vorderer Teil geschrumpft. Außerdem konnten sich die erfolgreichen Taxi-Prüflinge die Lage komplexer Figuren schlechter merken als durchgefallene Kandidaten oder Busfahrer. Die Londoner Taxifahrer zahlten damit den Preis für ihr räumliches Detailwissen, vermutet Maguire.

»Die spannende Frage für alle, die keine solche Lizenz zum Taxifahren haben«, so der Psychologe Müller: »Finden solche Veränderungen im Hippocampus auch beim Erwerb anderer Spezialkenntnisse statt?«

Laut Maguire und ihrem Team unterscheidet sich der Hippocampus von Ärztinnen und Ärzten – die jahrelang ein enormes medizinisches Wissen anhäufen – nicht von dem der gleichermaßen intelligenten Kontrollpersonen ohne entsprechendes Lernpensum. Der hintere Teil des Hippocampus wachse offenbar nur dann, wenn sich das Ortsgedächtnis ausweitet, folgerten sie.

Dem widersprachen aber Beobachtungen von Hirnforscherinnen und Hirnforschern der TU München. Sie fanden bei Studierenden, die 14 Wochen lang intensiv für Prüfungen büffelten, durchaus einen Zuwachs in Teilen des Hippocampus. Und am Karolinska-Institut der Universität in Stockholm stellte man schon nach zehn Wochen Vokabeltraining Veränderungen im rechten Hippocampus fest. Zuletzt hieß es sogar, ein solches Wachstum lasse sich ebenfalls durch regelmäßiges Videospielen (»Super Mario 64«) stimulieren.

»Dieser Schluss scheint allerdings etwas voreilig, da nur acht ausgewählte ältere Menschen an dem Experiment teilnahmen«, sagt der Psychologe Müller von TÜV NORD. »Ob Videospielen oder Taxifahren: Häufiges Sitzen tut dem Hirn nicht gut.« Vielmehr könnten wir es auf Trab bringen, indem wir uns mehr bewegen, »nicht nur mental, sondern auf den eigenen zwei Beinen«.

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Rainer Camen

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