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24. Oktober 2019 | Mobilität

Der Romanklassiker ‚In 80 Tagen um die Welt‘ aus dem Jahr 1873 ist weltbekannt. Aber kaum jemand weiß, wem Jules Verne die Idee zu seinem Buch verdankte: Drei Jahre zuvor hatte der US-Kaufmann George Francis Train in 80 Tagen die Welt umrundet und damit einen Rekord aufgestellt. Doch er geriet schnell in Vergessenheit und wie er auch viele andere, die neue Rekorde aufstellten. Manche reisten sogar mit dem Rad um die Welt – darunter eine ungewöhnliche junge Frau. 

Thomas Stevens war der erste Mensch, der auf dem Fahrrad einmal um die Welt fuhr – Ozeanüberquerungen ausgenommen. Er startete im August 1884 in San Francisco und brauchte 853 Tage. „Stevensons Gefährt war ganz und gar nicht langstreckentauglich“, berichtet Christian Müller von TÜV NORD. „Es war gut 20 Kilogramm schwer und wie seinerzeit üblich ein Hochrad“. Stevens habe regelrecht darauf balancieren müssen, und wenn er stürzte, fiel er tief. Manche seiner Zeitgenossen haben einen Unfall mit dem Hochrad nicht überlebt. 

Zunächst durchquerte der gelernte Lebensmittelhändler die USA, schiffte dann von Boston aus nach Europa über, fuhr mit dem Rad weiter gen Osten und durch Asien. Stevens habe herbe Rückschläge weggesteckt, erzählt der Psychologe Müller. An der Grenze zu Afghanistan wurde er abgewiesen, musste umkehren und einen Umweg von 800 Meilen fahren. Im Winter 1886 kam er schließlich im fernen Osten an und kehrte von dort per Schiff nach San Francisco zurück. 

Ein weniger glückliches Ende nahm eine Weltreise auf dem Rad für einen Deutschamerikaner, Frank G. Lenz. Seine Spur verliert sich im Mai 1894 in Ostanatolien, wie der US-Historiker Duncan Jamieson berichtet. Erst Monate später meldet ein britischer Konsul aus der Region, Lenz sei vermutlich ausgeraubt und ermordet worden. 

Im gleichen Jahr macht sich die erste Frau auf, die Welt mit dem Rad zu umrunden. Anna Cohen Kopchovsky ist eine junge Frau aus Boston, Anfang 20 und gerade mal 1,60 Meter groß. Im Sommer 1894 steigt sie auf ein Ein-Gang-Damenrad, im Gepäck ein Revolver. Zuerst radelt sie nach Chicago, kehrt dort allerdings wieder um, tauscht ihren langen Rock gegen eine Hose und das rund 20 Kilo schwere Rad gegen ein 10 Kilo leichteres. Dann startet sie noch einmal in die entgegengesetzte Richtung, setzt mit dem Schiff nach Frankreich über, fährt mit dem Rad quer durchs Land und wiederum per Schiff übers Mittelmeer gen Orient. Zeitungsberichten zufolge wird sie zwischen Alexandria und Shanghai mehrmals auf dem Rad gesichtet. Auf der letzten Strecke von San Francisco zurück zur Ostküste hat sie noch zwei Unfälle. 

Aber am Ende gewinnt sie das Preisgeld von 10.000 Dollar, damals ein Vielfaches des durchschnittlichen Jahresgehalts. Anlass dazu war eine Wette: „Es ging um die Fähigkeit einer Frau, sich allein in der Welt durchzuschlagen“, berichtet ihr Urgroßneffe Peter Zheutlin mehr als 100 Jahre später. In 15 Monaten sollte sie die Welt umrunden, Unterschriften von den US-Konsulaten vor Ort mitbringen und unterwegs auch noch 5000 Dollar verdienen. Warum dazu ausgerechnet seine Urgroßtante Annie auserkoren wurde, eine Mutter von drei kleinen Kindern, hat Zheutlin nicht in Erfahrung gebracht. 

Doch die junge Frau erwies sich als gute Wahl, denn sie war äußerst geschickt darin, Sponsoren für sich zu gewinnen. 100 Dollar bekam sie von der Londonderry Water Company allein dafür, dass sie sich „Annie Londonderry“ nannte und beim Start ein Werbeplakat trug. Zheutlin hat rekonstruiert, dass sie unterwegs falsche Identitäten vorgab und es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Sie sei „eine Geschichtenerzählerin“ gewesen. 

Bis heute inspirieren Annie Londonderry und ihre Zeitgenossen zu Weltreisen auf dem Rad. „Mark Beaumont stellt neuen Weltredkord auf“, titelte die Rundfunkanstalt BBC 2017 über einen Schotten, der in 79 Tagen um die Welt radelte. Im Jahr darauf meldete die BBC, der Brite Ed Pratt habe die Welt auf einem Einrad umrundet. 

Der erste trampende Roboter schaffte es nicht einmal durch die USA. „Ein Forschungsteam aus Kanada wollte herausfinden, wie sich Menschen gegenüber fremden, hilfsbedürftigen Robotern verhalten“, erzählt Christian Müller von TÜV NORD. Per Anhalter reiste der ‚Hitchbot‘ genannte Roboter zunächst Tausende Kilometer unbeschadet durch Kanada. Als er 2015 von der US-Ostküste an die Westküste trampen sollte, endete die Reise vorzeitig. In Philadelphia wurde er zerstört und sein Kopf gestohlen.

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Rainer Camen

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