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14. September 2017 | Mobilität

Wenn das Lieblingslied in den Boxen dröhnt, fährt es sich einfach am besten. Jedenfalls nach Meinung vieler Autofahrer. Aber stimmt das auch? Diese Frage untersucht Warren Brodsky, Professor für Musikpsychologie an der israelischen Ben-Gurion-Universität, seit mehr als 15 Jahren. Um herauszufinden, ob Autofahren und Singen am Steuer miteinander um Aufmerksamkeit konkurrieren, bat er unter anderem junge Probanden, beim Autofahren ihre Lieblingslieder mitzusingen. Ergebnis: Je anspruchsvoller die Verkehrslage, desto häufiger lagen sie mit Text, Ton und Rhythmus daneben.

"Multitasking ist ein Mythos", erklärt der Psychologe Dr. Ralf Buchstaller von TÜV NORD. "Wenn das Gehirn verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen soll, switcht es zwischen ihnen hin und her." Der Fokus liege dann abwechselnd auf der einen oder auf der anderen Aufgabe, und diese Wechsel erfordern zusätzliche geistige Kapazitäten. "Deshalb hören die meisten Menschen auf zu singen oder stellen die Musik leiser, wenn sie sich zum Beispiel in einer fremden Stadt orientieren müssen."

Falsch zu singen bleibt in der Regel folgenlos. Doch stört umgekehrt Musikhören am Steuer tatsächlich die Konzentration auf den Verkehr? Oder hält sie nicht vielmehr munter, wie viele Autofahrer behaupten? Die kanadischen Wissenschaftler Brian Dalton und David Behm sichteten entsprechende Experimente und fassten die Ergebnisse zusammen.

Ihr Fazit: Beides trifft zu! Musikhören sorge einerseits dafür, dass wir geistig wacher sind, und bei dichtem Verkehr mindert sie außerdem Stress und Aggressionen. Andererseits fahren wir beim Musikhören schneller. Dabei kommt es vor allem auf die Lautstärke an. Bei 55 bis 70 Dezibel fahren die meisten Menschen am aufmerksamsten und reagieren am schnellsten. Tönt es hingegen noch lauter aus den Boxen, nehmen Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit wieder ab.

Noch dazu kommt es darauf an, wo genau etwaige Gefahren im Verkehr lauern. Bei 85 Dezibel nehmen wir Signale im Zentrum der Aufmerksamkeit noch gut wahr, aber nicht mehr an den Rändern des Blickfelds. Und bei 95 Dezibel leidet die Fahrweise beträchtlich, egal ob Rock oder klassische Musik in den Ohren dröhnen.

Bei normaler Lautstärke spielt allerdings das Tempo der Musik eine Rolle, wie erneut Brodsky mit Hilfe von Fahrsimulationen feststellte. Schnelle Beats beschleunigten nicht nur die Herzfrequenz seiner Probanden. Sie drückten stärker aufs Gas und überfuhren häufiger rote Ampeln als bei langsamen Stücken.

Am schlechtesten fahren wir offenbar, wenn jemand anders die Musik bestimmt und diese auch noch temporeich und aktivierend ist. Das beobachteten schottische Musikpsychologen, als sie ihre Versuchspersonen in Videospielen teils bei Ruhe, teils mit selbstgewählten und teils mit fremdbestimmten Liedern im Ohr Auto fahren ließen. Mit der eigens ausgesuchten Musik fuhren die Teilnehmer am sichersten.

Ist Musik also auch im Auto reine Geschmackssache? Für junge Fahrer gilt das nicht, warnt Brodsky. Er schickte 85 junge Autofahrer, die im Schnitt seit sieben Monaten einen Führerschein hatten, mit Fahrlehrer auf Tour. Mal blieb es still in den Lautsprecherboxen, mal tönten von den Probanden ausgewählte Lieder, darunter vor allem elektronische Musik wie Trance und Techno. Die Probanden waren besserer Stimmung, wenn sie ihre eigene Musik hören durften, verstießen dabei aber häufiger gegen die Verkehrsregeln. In 17 Fällen musste der Fahrlehrer sogar am Steuer eingreifen oder die Bremse ziehen. Bei einem weiteren Durchgang spielten die Forscher speziell fürs Autofahren komponierte Musik, und tatsächlich besserte sich damit das Fahrverhalten der jungen Probanden.

"Erfahrene Verkehrsteilnehmer lassen sich womöglich nicht so sehr von Musik beeinflussen wie Fahranfänger", erläutert Dr. Buchstaller vom TÜV NORD. Aber wie die Forschung zeigt, gilt auch für alte Hasen: Bei langsameren Beats und mit ein paar Dezibel weniger im Ohr kann man sich besser auf den Verkehr konzentrieren.

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Rainer Camen

Konzern-Kommunikation

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