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20. Juni 2019 | Mobilität

Wer das eigene Auto zerkratzt oder mit zerstochenen Reifen vorfindet, fragt sich nach dem ersten Schreck meist, was das eigentlich sollte. Was bringt es jemandem, die Sachen anderer Leute kaputt zu machen? Auf den ersten Blick scheint es für Vandalismus keinen Grund zu geben. Doch tatsächlich steckt hinter der Zerstörungswut eine Vielzahl von tiefer liegenden Motiven.

Ein Fahrrad mit zerbeulten Reifen, beschmierte Verkehrsschilder und kaugummiverklebte Sitze in der Straßenbahn – Vandalismus gehört zum gewohnten Straßenbild. Keine andere Straftat hinterlässt in der Öffentlichkeit so viele Spuren wie das bewusste Beschädigen oder Zerstören von fremdem Eigentum. Rund 27.000 Fälle von Vandalismus verzeichnete 2017 allein die Deutsche Bahn, darunter 18.000 Graffitischäden. Eine US-Studie entdeckte Spuren von Vandalismus an mehr als einem Prozent von knapp 100.000 Verkehrsschildern, besonders viele davon in einkommensschwachen Regionen. Hier zu Lande gibt es Vandalismus laut Polizeiangaben vermehrt in kleinen und mittleren Gemeinden sowie in Städten mit bis zu 100.000 Einwohnern.

Den Statistiken zufolge sind Minderjährige, darunter mehrheitlich männliche Jugendliche, bei Sachbeschädigungen doppelt so oft tatverdächtig wie bei anderen Delikten. Ihre Begründung lautet oft: Frust oder Langeweile. „Sie wollen sich abreagieren oder einen Adrenalinkick verschaffen“, sagt Psychologin Katrin Müller von TÜV NORD. Darauf deuten unter anderem die Tatzeiten beim so genannten Cyber-Vandalismus hin. Wie ein Team von der Universität Weimar herausfand, verzeichnet die Internetplattform Wikipedia vergleichsweise selten vandalistische Einträge an Wochenenden oder in Ferienzeiten, und in Frankreich sinke die Rate sogar am schulfreien Mittwochnachmittag.

Neben Frust und Langeweile hat die Forschung viele weitere Gründe ausgemacht: Neid um den Besitz, Wut und Rache für eine erfahrene Ungerechtigkeit, schlichte Gedankenlosigkeit oder gezielte Sabotage, um zum Beispiel eine gefürchtete Prüfung zu stören. „Hinzu kommt ein ganz zentrales Motiv: einer Gruppe von Gleichgesinnten zu imponieren, von ihnen Anerkennung zu bekommen und akzeptiert zu werden“, ergänzt Katrin Müller. Das spiele in den allermeisten Fällen mit hinein in die Gemengelage, etwa bei Graffiti oder bei der Randale von Hooligans. So unterschiedlich diese beiden Arten der Sachbeschädigung erscheinen: Beide stellen häufig einen Protest dar, sei es gegen Autoritäten, soziale Ungleichheit, die politischen Verhältnisse oder schlicht gegen graue Betonwände. Mancher Grund allerdings dient – bewusst oder unbewusst – lediglich als Vorwand. So hatten die brennenden Autos und eingeschlagenen Schaufenster in Hamburg 2017 nicht zwangsläufig mit einem ideologisch motivierten Protest gegen den G20-Gipfel zu tun, wie die Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ recherchierte. Vielmehr sei einiges davon auf das Konto von Radikalen gegangen, die einfach Lust auf Randale hatten.

Dass sich dahinter sadistische Neigungen verbergen können, zeigte vergangenes Jahr eine Untersuchung von Stefan Pfattheicher von der Universität Ulm und seinen Kollegen. „Sadisten ziehen Lust daraus, andere Menschen zu dominieren und zu kontrollieren, indem sie ihnen Leid antun.“ Die Gewalt gegen Dinge richte sich indirekt auch gegen die Geschädigten (oder das, was sie repräsentieren). Außerdem könne die Lust am Vandalismus direkt aus dem Akt der Gewalt selbst erwachsen.

Ob Sadismus, Frust oder Langeweile: „Viele der Motive haben ihre Wurzeln in einem unerfüllten Leben“, sagt die Psychologin Katrin Müller von TÜV NORD. Ein Grund mehr für die Geschädigten, sich auf das Wesentliche zu besinnen und einen Kratzer am Auto nicht zu schwer zu nehmen: „Auch wenn es schmerzt, ist es doch nur ein Fahrzeug.“

Heutige Vandalen sind mehrheitlich jung und männlich. Bild: TÜV NORD

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