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15. August 2019 | Mobilität

Kurz vor der ersten Stunde stauen sich vor vielen Schulen die Autos: Jedes vierte bis fünfte Grundschulkind wird von Mutter oder Vater zur Schule gefahren. Für manche Eltern ist es einfach die bequemste Lösung, den Nachwuchs auf dem Weg zur Arbeit abzusetzen. Aber viele fürchten auch, der Weg könnte für das Kind noch zu weit oder zu gefährlich sein. Sind ihre Sorgen berechtigt?

Paradoxerweise sind die letzten hundert Meter Schulweg wegen der Elterntaxis inzwischen besonders gefährlich. Ein kanadisches Forschungsteam legte sich morgens vor 100 Grundschulen auf die Lauer und führte Protokoll: Rund zwei Drittel der Eltern leistete sich mit dem Auto gefährliche Wendemanöver. 85 Prozent der abgelieferten Kinder überquerten unkontrolliert die Straße, und 61 Prozent liefen zwischen parkenden Autos hervor. Das geschah jedoch vielfach seltener, wenn es markierte Haltezonen für die Eltern gab.

Auch hier zu Lande sollen so genannte Hol- und Bringzonen an vielen Schulen den Verkehr in geordnete Bahnen lenken. Sie liegen idealerweise mindestens 200 Meter von der Schule entfernt, während nahe den Schultoren ein Halteverbot für mehr Sicherheit sorgt.

Allerdings würden die Kinder davon profitieren, wenn sie zur Schule laufen – zumindest einen Teil des Wegs, sagt der Psychologe Ralf Buchstaller von TÜV NORD. „Die Forschung zeigt: Sie können sich dann im Unterricht besser konzentrieren.“ Um sie darauf vorzubereiten, können Vorschulkinder vielerorts einen ‚Fußgängerführerschein‘ machen. Dabei erfahren sie, was es im Straßenverkehr zu beachten gilt: Wie verhalte ich mich an einer Ampel, wie überquere ich einen Zebrastreifen? Und was, wenn es weder Ampel noch Zebrastreifen gibt?

Kindern mit sechs bis sieben Jahren fehlt es noch an vielen Kompetenzen, die es für Fußwege im heutigen Straßenverkehr braucht. „Sie können Geschwindigkeiten nicht so gut einschätzen wie Ältere“, warnt der promovierte Psychologe Ralf Buchstaller. „Viele Sechsjährige meinen auch noch, dass kein Auto kommt, wenn sie selbst keines sehen, etwa weil ihnen etwas die Sicht versperrt.“ Noch dazu lassen sich Kinder leicht ablenken. Sie vergessen dann schlichtweg, dass sie gerade im Straßenverkehr unterwegs sind.

„Kinder entwickeln erst mit zirka acht bis zehn Jahren ein realistisches Bewusstsein für Gefahren im Straßenverkehr“, erklärt die Verkehrspädagogin Maria Limbourg von der Universität Duisburg-Essen. Ihr zufolge sind die meisten erst ab zirka acht Jahren fähig, sich einen ganzen Schulweg lang auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Auch der Gesamtverband der Deutschen Verkehrswirtschaft schreibt in einem Forschungsbericht, dass sich Achtjährige bereits in den meisten Verkehrssituationen korrekt verhalten – doch nur, sofern sie dies gelernt haben und nicht abgelenkt sind.

Wenn Kinder zu einem Verkehrsunfall beitragen, haben sie in fast 90 Prozent der Fälle einen Fehler beim Überschreiten der Fahrbahn gemacht, und das heißt meist: Sie haben nicht auf etwaige Fahrzeuge geachtet, berichtet das Statistische Bundesamt über Verkehrsunfälle mit Kindern 2017. In dem Jahr wurden 61 Kinder bis 15 Jahre im Straßenverkehr getötet, davon waren 19 zu Fuß unterwegs. Insgesamt aber verunglücken Kinder im frühen Grundschulalter am häufigsten im Auto. Unter den zu Fuß Laufenden ist in diesem Alter das Unfallrisiko für Jungen größer als für Mädchen, vermutlich, weil sie etwas mehr unterwegs sowie risikofreudiger sind.

„Gleichaltrige können in ihrer Entwicklung unterschiedlich weit fortgeschritten sein“, so der Psychologe Ralf Buchstaller. Dabei können das Geschlecht und die Persönlichkeit eines Kindes, seine Erfahrungen und erworbene Fertigkeiten eine Rolle spielen.

Weil sich selbst Grundschulkinder nach einem Verkehrstraining nicht immer verkehrssicher verhalten, empfiehlt Verkehrspädagogin Maria Limbourg, Schulwege technisch und baulich zu sichern. Gefahrenstellen und geeignete Maßnahmen wie Ampeln könnten die Kinder selbst als ‚Schulweg-Detektive‘ ermitteln.

Ein solches Detektivspiel ist auch eine gute Idee für Eltern, um Kinder für Gefahren zu sensibilisieren, mit ihnen zu üben, etwaige Unsicherheiten zu erkennen und um die gemeinsamen Laufwege unterhaltsam zu gestalten – den Schulweg zum Beispiel. Den Nachwuchs erst einmal zu Fuß zur Schule zu bringen, hält der Psychologe Ralf Buchstaller von TÜV NORD für eine gute Lösung, noch besser: „eine Laufgemeinschaft mit Gleichaltrigen zu begleiten. So sorgt man dafür, dass ein paar Autos weniger vor der Schule auftauchen.“

Der Weg zur Schule: Das Überqueren der Fahrbahn bringt Gefahren mit sich. Bild: TÜV NORD

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Rainer Camen

Konzern-Kommunikation

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