Klotz am Fuß?

21. Juni 2018 | Mobilität: Unpassendes Schuhwerk verlängert den Bremsweg und kann Unfälle verursachen.

Ein schneller Tritt auf die Bremse kann im Straßenverkehr Leben retten. Unpassendes Schuhwerk verlängert den Bremsweg und kann Unfälle verursachen.

Ist das eigentlich erlaubt? Das fragt sich mancher, der im Sommer mit Flip Flops oder Badelatschen hinterm Steuer Platz nimmt. »Grundsätzlich gibt es keine Vorschriften zum Schuhwerk«, erläutert der KFZ-Sachverständige Dirk Schulze vom TÜV NORD. »Aber für gewerbliche Fahrten gelten die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften.« Die gesetzliche Unfallversicherung verbietet beispielsweise Clogs und Sandaletten ohne Fersenriemen (§ 44 Absatz 2 der DGUV).

Außerdem hat die freie Schuhwahl auch bei privaten Autofahrern und Autofahrerinnen ihre Grenzen. »Kommt es zu einem Unfall, kann es sein, dass das Schuhwerk geprüft wird«, erklärt Schulze weiter. »Wer damit die Pedale nicht richtig betätigen kann, gefährdet den Straßenverkehr. Das Gericht kann das als Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht werten und eine Teilschuld feststellen.« Daraufhin drohen strafrechtliche Folgen, und die Versicherung könnte die Leistung ganz oder teilweise verweigern.

Aber ist loses oder klobiges Schuhwerk am Steuer wirklich riskant? Die US-eBundesbehörde für Straßen- und Verkehrssicherheit warnt: »Flip Flops, schwere Stiefel oder High Heels können zu Unfällen beitragen«, etwa wenn der Fuß von der Bremse rutscht oder versehentlich auf dem Gas landet. Solche »Pedalfehler« verursachen der Behörde zufolge in den USA bis zu 16.000 Unfälle im Jahr.

Wie groß diese Gefahr ist, demonstrierte 2016 ein Team von der Leuphana-Universität in Lüneburg anhand von 5400 Bremsmanövern. Mit Flipflops an den Füßen trat jede zweite Versuchsperson mindestens einmal neben das Bremspedal, und fast jede dritte rutschte vom Pedal ab. Das geschah aber keiner der Versuchspersonen, die feste Schuhe trugen. Und tauchte ein Kind auf der Fahrbahn auf, verlängerten die Flipflops bei 100 Stundenkilometern den Bremsweg um durchschnittlich 2,5 Meter.

Schon in den Siebzigerjahren hatten zwei Wissenschaftler von der University of Missouri 17 Probandinnen mal mit normalen, mal mit Plateauschuhen getestet. Obwohl alle das Tragen von Plateauschuhen gewöhnt waren, brauchten sie damit länger zum Bremsen: rund 900 anstelle von rund 800 Millisekunden. Bei 80 Stundenkilometern wäre der Bremsweg somit über zwei Meter länger.

Mit ungeeignetem Schuhwerk fällt das Bremsen womöglich schlichtweg schwerer. Ein koreanisches Forscherduo ließ 14 gesunde junge Frauen, die auch im Alltag High Heels trugen, drei Sekunden lang so kräftig wie möglich auf ein Pedal treten. Je höher die Absätze, desto mehr Muskelkraft benötigten sie dazu.

»Probleme können auch bei orthopädischen Reha-Schuhen und stiefelähnlichen Beinschienen auftreten«, sagt der KFZ-Sachverständige Schulze vom TÜV NORD. Nach Fußoperationen dient spezielles Schuhwerk dazu, die Gliedmaße zu stabilisieren. Aber behindert es – unabhängig von den körperlichen Nachwehen einer OP — das Bremsen? Diese Frage untersuchten Forscher aus Philadelphia, indem sie gesunde Versuchspersonen in einem Fahrsimulator Reha-Schuhwerk tragen ließen. Ungewöhnliche lange Reaktionszeiten beobachteten sie bei normalen Schuhen in 2,5 Prozent der Fälle, bei Reha-Schuhen in 18,5 Prozent und bei Reha-Stiefeln sogar in 55,5 Prozent der Fälle.

Kommen postoperative körperliche Einschränkungen hinzu, sieht es naturgemäß nicht besser aus. Der Mediziner Dietmar Dammerer und seine Kollegen und Kolleginnen von der Universität Innsbruck baten 42 Patienten vor und nach einer Fußoperation in den Fahrsimulator. Vor der OP brauchten sie gut 700 Millisekunden zum Bremsen und zwei Wochen danach, mit Reha-Schuhen, im Schnitt mehr als 100 Millisekunden länger, sodass sich der Bremsweg bei 120 Stundenkilometern um drei bis vier Meter verlängerte. Die Mediziner und Medizinerinnen fordern deshalb nach einer solchen OP eine mindestens sechswöchige Fahrpause.

»Ungeeignetes Schuhwerk kann das Bremsen verlangsamen oder sogar Ausrutscher verursachen«, lautet das Fazit von Dirk Schulze. Der TÜV NORD empfehle deshalb festes und geschlossenes Schuhwerk mit flacher Sohle, das sicheren Halt bietet und sich nicht unter den Pedalen verklemmen kann. Ein solches fahrtaugliches Paar Schuhe könne man auch vorsorglich im Auto deponieren und -im Zweifelsfall die Schuhe zu wechseln. Doch nicht nur zum Autofahren hält der KFZ-Sachverständige Badelatschen und Stöckelschuhe grundsätzlich für eine weniger gute Wahl: »Auch zu Fuß ist man mit festen Schuhen sicherer unterwegs!«

Über die TÜV NORD GROUP:

Als anerkannter Technologie-Dienstleister stehen wir weltweit für Sicherheit und Vertrauen. Dabei haben wir die digitale Zukunft fest im Blick. Unabhängige Ingenieure und IT-Security-Fachleute bieten exzellente Lösungen für Sicherheit, Qualität und eine hervorragende Position im Wettbewerb. In mehr als 70 Ländern stärken wir Unternehmen und Partner bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung für Menschen, Technologie und Umwelt.

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