TÜV NORD beobachtet wachsende Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit. Neue Regelwerke, intransparente Lieferketten und Food Fraud (Lebensmitteltäuschung) stellen Hersteller vor Herausforderungen.

Hannover: Die Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit steigen kontinuierlich – und mit ihnen die Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Experten von TÜV NORD beobachten, dass nicht einzelne Fehler, sondern vor allem die wachsende Komplexität in Prozessen und Lieferketten die Branche zunehmend unter Druck setzt.
Din zentraler Treiber dieser Entwicklung sind neue regulatorische Vorgaben auf europäischer Ebene. Verschärfte Grenzwerte für Inhaltsstoffe, erweiterte Kennzeichnungspflichten und zusätzliche Dokumentationsanforderungen erhöhen die Anforderungen an Hersteller deutlich. „Mit jeder neuen Vorschrift steigen nicht nur die Anforderungen – es entstehen auch zusätzliche Schnittstellen und potenzielle Fehlerquellen“, erklärt Oliver Eck, Leitung Business Entity Food International bei TÜV NORD. „Ein falsch dokumentierter Rohstoff oder eine nicht aktualisierte Kennzeichnung kann heute bereits ausreichen, um einen Rückruf auszulösen.“
Strengere Grenzwerte senken die Fehlertoleranz
Parallel dazu werden Grenzwerte für bestimmte Stoffe, etwa Rückstände aus Verpackungen oder Pflanzenschutzmitteln, kontinuierlich verschärft. So werden beispielsweise chemische Substanzen wie Bisphenol A oder PFAS zunehmend reguliert und in ihrer Verwendung eingeschränkt. Für Hersteller bedeutet das, Prozesse, die bislang als sicher galten, müssen regelmäßig angepasst werden oder Prüfparameter für Rohmaterial überarbeitet und spezifiziert werden. „Die Toleranz wird immer geringer“, so Eck. „Schon kleinste Abweichungen zum Grenzwert können dazu führen, dass ein Produkt nicht mehr verkehrsfähig ist, selbst wenn keine unmittelbare Gesundheitsgefahr besteht.“
Food Fraud: Unsichtbare Risiken in globalen Lieferketten
Gleichzeitig rücken neue Risikofelder in den Fokus, insbesondere Fälle von Food Fraud. Darunter fallen bewusste Verfälschungen, falsche Herkunftsangaben oder der Austausch von Zutaten. Schätzungen zufolge kann ein erheblicher Teil der globalen Lebensmittelversorgung von solchen Praktiken betroffen sein.
Ein Beispiel: Wird hochwertiges Olivenöl gestreckt oder ein preisgünstiger Ersatzrohstoff eingesetzt, ist dies häufig schwer zu erkennen und kann unter Umständen auch gesundheitsrelevante Stoffe ins Endprodukt bringen. „Das Problem beim Food Fraud ist seine Unsichtbarkeit“, erklärt Eck. „Unternehmen verlassen sich auf Dokumente. Aber diese können manipuliert sein. Ohne gezielte Prüfmechanismen bleibt das Risiko oft unentdeckt.“ Sicherheit können Laboranalysen von Lebensmitteln oder eine Stichprobenprüfung von Rohstoffen bieten. „Wichtig ist auch eine solide Risikobewertung mit dem Ziel, systematisch herauszufinden, wo Betrug wahrscheinlich ist und das Risiko zu priorisieren. Kriterien können die Kosten von Rohstoffen sein oder die Komplexität der Lieferkette“, so Eck.
Transparenzanforderungen erhöhen die Abhängigkeiten
Ein weiterer Treiber ist der zunehmende Anspruch an Transparenz. Verbraucher, Handel und Behörden erwarten heute, dass die Herkunft und Verarbeitung von Lebensmitteln lückenlos nachvollziehbar ist.
In der Praxis bedeutet das: Lieferketten werden detaillierter erfasst – gleichzeitig wachsen ihre Komplexität und die Zahl der beteiligten Akteure. Rohstoffe stammen häufig aus verschiedenen Ländern und durchlaufen mehrere Verarbeitungsstufen, bevor sie im Endprodukt landen. „Jeder zusätzliche Akteur in der Lieferkette ist eine potenzielle Schwachstelle“, sagt Oliver Eck. „Wenn an einer Stelle Informationen fehlen oder falsch übermittelt werden, kann das im Ernstfall die gesamte Rückverfolgbarkeit gefährden“, berichtet Eck aus der Praxis. TÜV NORD gehört zu den Marktführern im Bereich Lebensmittelzertifizierung und verifiziert definierte Qualitätsanforderungen entlang der gesamten Produktions- und Lieferkette.
Systemische Risiken statt einzelner Fehler
Die aktuellen Entwicklungen zeigen: Risiken in der Lebensmittelsicherheit entstehen zunehmend systemisch. Komplexe Lieferketten, steigende regulatorische Anforderungen und sinkende Fehlertoleranzen greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig.
Ein Beispiel aus der Praxis: Wird ein Rohstoff aus mehreren Quellen bezogen, kann bereits ein unzureichend geprüfter Lieferant zu einer Kontamination führen. Gleichzeitig erschwert die Vielzahl an Beteiligten die schnelle Identifikation der betroffenen Charge – ein entscheidender Faktor im Rückruffall.
„Lebensmittelsicherheit ist heute nicht mehr nur eine Frage der Kontrolle einzelner Produktionsschritte“, betont Eck. „Es geht darum, komplexe Systeme zu beherrschen und Risiken frühzeitig zu erkennen, bevor sie sich auswirken.“
Prävention rückt in den Fokus
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein strukturiertes Risikomanagement an Bedeutung. Unternehmen sind gefordert, ihre Prozesse kontinuierlich zu überprüfen, Lieferketten transparenter zu gestalten und Risiken systematisch zu analysieren. „Prävention ist das A und O“, so Eck. „Unternehmen müssen Risiken verstehen, bevor sie zum Problem werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass es am Ende der Lieferkette zum Rückruf kommt.“
TÜV NORD zertifiziert nach international anerkannten Standards wie IFS und BRC Food, ISO 22000, FSSC 22000, HACCP und vielen mehr.
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