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CO₂ auf dem Weg in den Untergrund: Wie Deutschland die Transportwege für Carbon Management aufbaut

CO₂-Abscheidung und -Speicherung werden für die Industrie in Deutschland immer wichtiger. Der Aufbau sicherer Transportwege wie Pipelines, Schiffe und Lkw ist entscheidend, wird aber durch technische, regulatorische und gesellschaftliche Hürden gebremst.

Pipelines sind die günstigste Lösung, um große, kontinuierliche Mengen CO₂ von der Abscheideanlage zum Speicher oder zum Verwerter zu bringen. Die Wahl des jeweils besten Transportwegs hängt jedoch immer von Menge, Entfernung und Zielort ab. (Symbolbild: Anoo/Adobe Stock)
6. Oktober 2026

Kohlendioxid abzuscheiden ist längst keine Zukunftsvision mehr. Zement-, Kalk-, Stahl- und Chemiewerke in Deutschland und Europa arbeiten bereits an entsprechenden Anlagen. Doch ein abgeschiedenes CO₂-Molekül muss danach irgendwohin: in ein Endprodukt oder in eine unterirdische Lagerstätte. Genau an dieser Stelle, beim Transport, entscheidet sich, wie schnell die sogenannte Carbon-Management-Wirtschaft in Deutschland tatsächlich Fahrt aufnimmt. „Ohne einen gesicherten Transportweg lässt sich für keine Abscheideanlage eine Investitionsentscheidung treffen, denn Transport und Speicherung machen zusammen etwa 30 bis 50 Prozent der Gesamtkosten einer CO₂-Kette aus“, betont Carbon Management-Experte Michael Baranowski, TÜV NORD.

Warum jetzt Bewegung in das Thema kommt

Drei Entwicklungen führen dazu, dass CO₂-Abscheidung, -Transport und -Speicherung (CCS) sowie die stoffliche Nutzung von CO₂ (CCU) zur Pflichtaufgabe für viele Industriezweige wird: 

Die EU hat mit dem Net-Zero Industry Act ein verbindliches Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen in der EU mindestens 50 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr dauerhaft eingespeichert werden können.  44 namentlich benannte Öl- und Gasunternehmen müssen dazu proportional zu ihrer bisherigen Förderung beitragen; dies legte die EU-Kommission im Mai 2025 fest. 

Deutschland hat nachgezogen: Ende 2025 ist die Novelle des Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetzes (KSpTG) in Kraft getreten. Sie erlaubt erstmals die kommerzielle CO₂-Speicherung im deutschen Festlandsockel und der Ausschließlichen Wirtschaftszone und schafft ein einheitliches Zulassungsverfahren für Transportleitungen, angelehnt an das Planfeststellungsrecht für Erdgasleitungen. 

Der europäische Emissionshandel (EU-ETS) erhöht den wirtschaftlichen Druck: Zertifikate für eine Tonne CO₂ kosteten Anfang 2026 rund 65 bis 75 Euro. „Wir rechnen mit einer steigenden Tendenz für die kommenden Jahre“, so Michael Baranowski. 

„Diese Entwicklungen zeigen deutlich: Für energieintensive Industriebranchen, wie Zement, Kalk, Stahl, Chemie oder Abfallverbrennung, wird CCS damit zunehmend zur wirtschaftlich sinnvollen Option statt zur freiwilligen Zusatzleistung“, betont CO₂-Experte Baranowski.

 

Die Transportwege im Vergleich

Es gibt nicht den einen Weg, CO₂ von der Abscheideanlage zum Speicher oder zum Verwerter zu bringen. Die Wahl hängt von Menge, Entfernung und Zielort ab.

Pipelines sind für große, kontinuierliche Mengen die günstigste Lösung. Onshore-Leitungen transportieren CO₂ bei 80 bis 150 bar in überkritischem Zustand – vergleichbar mit Erdgaspipelines, aber technisch anspruchsvoller, weil CO₂ bei Druckentlastung schlagartig auf bis zu minus 78 Grad abkühlt und zu Trockeneis erstarren kann. Die Kosten liegen bei rund 2 bis 20 Euro pro Tonne, offshore bei 5 bis 30 Euro. Der Bau eines flächendeckenden Netzes ist allerdings ein Projekt für ein bis anderthalb Jahrzehnte: Der Netzbetreiber OGE plant ein rund 3.500 Kilometer langes CO₂-Kernnetz mit Schwerpunkt Nordwestdeutschland, der Verein Deutscher Zementwerke (VDZ) schlägt darauf aufbauend ein rund 4.800 Kilometer langes Zielnetz für Zement-, Kalk- und Abfallstandorte bis 2045 vor.

Schiffe transportieren verflüssigtes CO₂ bei etwa minus 50 Grad und 6 bis 9 bar. Sie sind teurer (25 bis 100 Euro pro Tonne, je nach Distanz), dafür aber flexibel einsetzbar, ohne dass zuvor eine feste Leitung gebaut werden muss. Das norwegische Projekt Northern Lights nutzt diesen Weg bereits kommerziell und kann in seiner ersten Ausbaustufe 1,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr aufnehmen, ab 2028 bis zu 5 Millionen Tonnen.

Bahn und Lkw schließen die Lücke dort, wo weder Pipeline noch Schiff verfügbar sind. Kesselwagen und Tankfahrzeuge sind sofort einsetzbar, aber auf kleine Mengen (unter 2 Millionen Tonnen pro Jahr) und begrenzte Distanzen beschränkt – und mit 15 bis 100 Euro pro Tonne die teuerste Option. Sie sind vor allem für die stoffliche Nutzung von CO₂ relevant, etwa in der Getränkeindustrie, in Gewächshäusern oder bei der Herstellung von e-Fuels, wo ohnehin nur kurze Strecken zwischen Quelle und Abnehmer liegen und hohe Reinheitsanforderungen von teils über 99,9 Prozent gelten.

 

Hürden für den Ausbau

So klar die technischen Optionen sind, so groß bleiben die Hemmnisse für einen schnellen Hochlauf:

Regulatorisch fehlt insbesondere bei der grenzüberschreitenden Nutzung von Schiffstransporten noch eine belastbare Grundlage. Das London-Protokoll erlaubt zwar seit einer Änderung von 2009 grundsätzlich den Export von CO₂ zur Speicherung im Ausland, doch nicht alle EU-Staaten haben diese Änderung ratifiziert. Für einen deutschen Export etwa nach Norwegen oder in die Nordsee-Speicher der Niederlande fehlen zudem noch bilaterale Abkommen. Auch die geplante EU-Regulierung für grenzüberschreitende CO₂-Infrastruktur, mit Regeln zu Netzzugang und Tarifen ähnlich dem Gasmarkt, steht noch aus.

Technisch und wirtschaftlich bremst vor allem die Zeit: Ein neues Pipelinenetz aufzubauen dauert erfahrungsgemäß zehn bis fünfzehn Jahre, während viele Industriestandorte abgelegen liegen und zunächst gar keinen Anschluss haben. Hinzu kommt, dass das CO₂ aus Rauchgasen nie rein ist. Wasser, Schwefelverbindungen, Sauerstoff oder Aminreste aus dem Abscheideprozess müssen zuverlässig entfernt werden, weil sie sonst Leitungen korrodieren, Speicherstätten schädigen oder mikrobielles Wachstum im Untergrund begünstigen können. Ohne Förderung ist das Gesamtsystem aus Abscheidung, Transport und Speicherung nach heutigem Stand zudem noch teurer als der aktuelle CO₂-Preis im Emissionshandel.

Gesellschaftlich bleibt vor allem die Speicherung von CO₂ an Land umstritten; mehrere norddeutsche Bundesländer stehen ihr bislang zurückhaltend bis ablehnend gegenüber, während der Süden Deutschlands offener reagiert. 

Hinzu kommt ein klassisches Henne-Ei-Problem: Solange keine Leitung gebaut ist, gibt es keine Nachfrage, solange keine Nachfrage feststeht, wird keine Leitung finanziert.

Nicht zuletzt ist CO₂ selbst kein harmloses Gas, sobald es in großen Mengen unter Druck transportiert wird. Es ist geruch- und farblos, schwerer als Luft und kann sich in Senken, Kellern oder Kabelschächten sammeln. Ab etwa fünf Volumenprozent in der Atemluft drohen innerhalb von Minuten Bewusstlosigkeit und Erstickung. Für Leckagen oder Rohrbrüche sind deshalb Evakuierungsradien von mindestens 500 Metern vorgesehen. „CO₂-Leitungen setzen ein Sicherheitsniveau voraus, das eigene Prüf- und Genehmigungsverfahren erfordert“, sagt Michael Baranowski.

 

Anlagen prüfen, Risiken analysieren und Personal qualifizieren

Gesellschaften der TÜV NORD GROUP unterstützen den Aufbau einer sicheren CO₂-Infrastruktur mit wiederkehrenden Prüfungen von Druckgeräten, Hochdruckleitungen sowie Verdichter- und Konditionierungsanlagen nach der EU-Druckgeräterichtlinie und der deutschen Betriebssicherheitsverordnung. Hinzu kommen Sicherheitskonzepte und HAZOP-Studien für Transport- und Einspeiseanlagen, unabhängige Prüfungen der Messung, Berichterstattung und Verifizierung (MRV) für abgeschiedene, transportierte und gespeicherte CO₂-Mengen. Diese Leistung ist für jedes Unternehmen verpflichtend, das seine gespeicherten Mengen im EU-Emissionshandel geltend machen will. Zusätzlich gibt es Schulungs- und Beratungsangebote für Betriebspersonal zu Notfallszenarien, dem sicheren Umgang mit CO₂-Anlagen und neuen Zulassungspflichten nach Gefahrgutrecht (ADR/RID) und KSpTG.

 

Weitere Informationen: TÜV NORD GROUP: Effektives Kohlenstoffmanagement | TÜV NORD GROUP

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Annika Burchard

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